Jenifer Becker – Zeiten der Langeweile (Rezension)

Buchcover Jenifer Becker Zeiten der Langeweile
(Copyright: Hanser Berlin)

Erscheinungsdatum: 21.08.2023
(Hanser Berlin, 240 Seiten, ISBN 3446278044)

Erhältlich bei:

Inhalt

Mila ist Anfang 30 und beschließt eines Tages, offline zu gehen – aber nicht nur für wenige Tage im Rahmen einer Digital-detox-Kur, sondern dauerhaft. Gleichzeitig will sie alle Spuren verwischen, die sie im Internet jemals hinterlassen hat. Eine Mammutaufgabe, wie sie schnell feststellt.

Und die Folgen sind gravierender als gedacht: Außer ihrer besten Freundin gibt es bald kaum noch jemanden, der mit Mila interagiert. Das wird auch durch den Lockdown während der Corona-Pandemie nicht einfacher. Schnell verspürt Mila nicht nur Langeweile, sondern auch Einsamkeit in ungekanntem und unerwartetem Ausmaß, aber noch stärker wird nach und nach die Angst, unfreiwillig plötzlich wieder „im Netz“ aufzutauchen …

Meine Meinung

Jenifer Becker befasst sich in einem sehr aktuellen Setting mit einem allgegenwärtigen Thema: Welche Spuren hinterlassen wir im Internet, wer kann damit was über uns herausfinden, und was passiert eigentlich, wenn wir versuchen, das alles hinter uns lassen?

Mila scheint dabei ihr Alter Ego zu sein; autofiktionale Bezüge sind unübersehbar, wenn man ein wenig über die Autorin selbst weiß. Was als spannendes Experiment beginnt, nimmt im Roman schnell nahezu manische Züge an: Mila fühlt sich beobachtet und befürchtet ständig, von arglosen Jugendlichen mit dem iPhone gefilmt und ins Netz gestellt zu werden. Die kurzen Surfzeiten, die sie sich noch erlaubt, enden mit endlosen Recherchen darüber, ob Bilder von ihr inzwischen als Meme grassieren. Das wirkt übertrieben und extrem, letztendlich illustriert es aber gut, worum es hier geht: Mila hat eindeutig zu viel Zeit und weiß nichts Sinnvolles mehr mit sich anzufangen. Eine Lebenskrise, die weit über das bloße „Internet-Cancelling“ hinausgeht.

Und genau an dieser Stelle ging mir der Roman nicht weit genug in die Tiefe: Mila reflektiert sich wenig, hinterfragt nur sehr unzureichend, was eigentlich hinter dem Wunsch steckt, digital zu „verschwinden“. Parallel kündigt sie auch ihren Job, scheint aber keine weitergehenden Pläne zu haben. Ich hätte gern mehr darüber erfahren, was für sie wirklich im Vordergrund steht und wie sie ihr Leben künftig gestalten möchte – denn sicherlich gibt es noch etwas zwischen „im Internet leben“ und dessen Nutzung vollkommen zu verteufeln.

Die Erwähnung von Lockdowns, Impfgegnern – hierzu zählt Milas Bruder, zu dem sie noch sporadisch Kontakt hält – und vielen anderen popkulturellen Bezügen verleihen dem Roman einerseits einen sehr aktuellen Anstrich, warfen bei mir aber andererseits die Frage auf, wie gut die Geschichte in ein paar Jahren noch funktionieren wird. Mögen die Erinnerungen untere anderem an die Corona-Pandemie jetzt bei vielen noch sehr präsent sein, dürften sie nach einiger Zeit auch genauso wieder verblassen – das Grundthema des Romans wird natürlich dennoch weiterhin relevant bleiben.

Thalia
(*)

Fazit

„Zeiten der Langeweile“ ist ein sehr zeitgeistiger und aktueller Roman, der mich in sehr weiten Teilen komplett abgeholt hat. Letztendlich war ich überrascht, wie viel die Autorin aus ihrem Thema herausholen konnte, hätte mir an der einen oder anderen Stelle noch mehr Auseinandersetzung mit Milas Sinnkrise gewünscht. Alles in allem aber eine sehr empfehlenswerte Lektüre.

(Danke an Hanser Berlin und Netgalley für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars. Keine weitere Vergütung erhalten.)

Bewertung

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