Katharina Fuchs – Unser kostbares Leben (Rezension)

Buchcover Katharina Fuchs Unser kostbares Leben
(Copyright: Droemer Knaur)

Erscheinungsdatum: 30.12.2021
(Droemer Knaur, 624 Seiten, ISBN 3426282658)

Erhältlich bei:

Inhalt

Deutschland in den 1970er Jahren: Im hessischen Mainheim wachsen die Freundinnen Minka und Caro als Töchter des Bürgermeisters bzw. des Geschäftsführers der ortsansässigen Schokoladenfabrik auf. Umwelt- und Tierschutz werden in dieser Zeit ganz klein geschrieben: Industrielle Abwässer werden ungeklärt in den Main geleitet, Tierversuche für medizinische Zwecke stehen an der Tagesordnung – und selbst vor Medikamentenstudien an unfreiwilligen menschlichen Teilnehmer*innen schreckt die Pharmaindustrie nicht zurück.

Je älter Minka und Caro werden, desto mehr trennen sich ihre Lebenswege – aber eines bleibt ihnen gemeinsam: Jede kämpft auf ihre Art gegen diverse Missstände. Werden sie Erfolg haben? Und wie wird das Waisenkind Claire, das als Bootsflüchtling aus Vietnam nach Mainheim kommt, ein Teil ihrer Geschichte?

Meine Meinung

Nach „Zwei Handvoll Leben“ und „Neuleben“, in denen es um die Lebensgeschichten ihrer Großmütter bzw. ihrer Mutter und ihrer Tante ging, führt Katharina Fuchs hiermit ihre Familiengeschichte fort: „Unser kostbares Leben“ ist keine Autobiographie, erzählt aber eine Geschichte, die von ihrer eigenen Kindheit und Jugend inspiriert ist. Caro stellt dabei ihr Alter Ego dar. Mir hat es gefallen, wie von Caros ersten Schreibversuchen erzählt und somit nachverfolgt wird, wie Katharina Fuchs selbst Schriftstellerin wurde.

Das Cover vermittelt den Eindruck, Minka, Caro und Claire wären drei Freundinnen, die zusammen aufwachsen und für eine gemeinsame Sache kämpfen. Stattdessen kommen allerdings nur Caro und Claire miteinander in Berührung (und das auch nicht direkt als Freundinnen), während sich Minka und Claire auf den gesamten 624 Seiten kein einziges Mal begegnen. Wer also aufgrund des Titelbilds eine Geschichte über eine lebenslange Freundschaft zwischen drei Mädchen bzw. Frauen erwartet, wird enttäuscht werden.

Ansonsten ist der Bogen, der in diesem Buch gespannt wird, weit – sehr weit. Die Themen fächern sich breit auf, von bundesweiten Wahlen und den dazugehörigen politischen Diskursen über die Seilschaften im (fiktiven) Ort Mainheim, die Vertuschung von Tier- und sogar Menschenversuchen, aufkeimenden Umweltaktivismus, die Gründung der grünen Partei bis hin zur familiären und persönlichen Entwicklung der Figuren. Leider wirkte es auf mich dadurch ziemlich überladen.

Ich verstehe den Ansatz der Autorin, das Leben in der damaligen Bundesrepublik möglichst anschaulich schildern zu wollen, aber für meine Begriffe ist die Erzählung an vielen Stellen zu ausführlich geworden. Ich tendierte dazu, manche Abschnitte – wie etwa den über die Schokoladenherstellung oder die Wasserqualität des Mains – nur zu überfliegen. Die Autorin hat hierzu sicher unheimlich viel recherchiert und per se sind dies natürlich auch keine uninteressanten Themen, aber mich störte die eine oder andere Detailschilderung im Lesefluss.

Der einerseits so detailverliebten Wiedergabe von Fakten steht auf der anderen Seite eine für meine Begriffe eher nüchterne und distanzierte Schilderung der Gefühlswelt und der Beziehungen der Figuren gegenüber, durch die ich leider keiner von ihnen allzu nah kam. Dazu trug vielleicht auch die ständig wechselnde Erzählperspektive bei. Diese folgt nicht nur den drei Mädchen, sondern auch immer wieder anderen Figuren, die eigentlich eher Nebendarsteller*innen sind. Ich hätte mir einen stärkeren Fokus auf die drei Protagonistinnen und etwas weniger von den zahlreichen „Nebenkriegsschauplätzen“ gewünscht. Eine seitenmäßig weniger umfangreiche, dafür aber pointiertere Erzählung hätte den Roman für mich stimmiger und runder gemacht.

Thalia
(*)

Fazit

Mir haben die anderen Bücher von Katharina Fuchs, insbesondere „Lebenssekunden“, größtenteils sehr gut gefallen. Leider kann ich das über „Unser kostbares Leben“ nicht sagen. Das Buch ließ sich – bis auf die erwähnten etwas langatmigen Passagen – zwar gut lesen, aber mir fehlte ein echter Spannungsbogen und ich wurde das Gefühl nicht los, auf etwas zu warten, das leider nicht kam.

Somit bietet der Roman zwar einen (sehr) groß angelegten Einblick in die jüngere deutsche Vergangenheit, und für etwas ältere Leser*innen als mich vielleicht auch einen Rückblick in die eigene Kindheit und Jugend, aber mich hat er leider nicht so stark erreicht und berührt, wie ich es mir gewünscht hätte.

Katharina Fuchs ist dennoch nach wie vor eine von mir sehr gern gelesene Autorin und ich freue mich auf ihr nächstes Buch, das mir bestimmt wieder besser gefallen wird.

Bewertung

(Danke an Droemer Knaur und Netgalley für das Rezensionsexemplar. Keine weitere Vergütung erhalten.)

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