Dörte Hansen – Zur See (Rezension)

Buchcover Dörte Hansen Zur See
(Copyright: Penguin Verlag)

Erscheinungsdatum: 28.09.2022
(Penguin Verlag, 256 Seiten, ISBN 3328602224)

Erhältlich bei:

Inhalt

Auf einer nicht näher benannten Nordseeinsel lebt seit 300 Jahren Familie Sander. Die Vorfahren waren Walfänger, Vater Jens sowie der älteste Sohn Ryckmer sind auch noch zur See gefahren, haben den Kapitänsberuf aber aus unterschiedlichen Gründen aufgegeben. Jens hat sich seit 20 Jahren in eine Vogelbeobachtungsstation zurückgezogen, Ryckmer ist dem Alkohol verfallen und spielt den Seebären nur noch auf dem Touristendampfer. Seine Mutter Hanne hat die Kinderzimmer früher als Fremdenzimmer vermietet, jetzt zeigt sie Urlaubern in Tracht ihr Elternhaus, das inzwischen ein Museum ist. Immobilienfirmen lauern darauf, ihr auch das eigene Haus abzuluchsen, um es zum Wochenenddomizil für gestresste Festlandbewohner*innen umzubauen.

Auf selbige ist insbesondere Hannes Tochter Eske gar nicht gut zu sprechen und zeigt ihnen das durch eine besonders offensive Fahrweise auf der Landstraße. Ansonsten kümmert sie sich als Altenpflegerin aufopfernd um die älteste Generation von Insulaner*innen, die langsam ausstirbt. Und dann ist da noch Henrik, mit 30 Jahren immer noch das Nesthäkchen der Familie: Er läuft immer barfuß und verarbeitet Treibgut zu Kunstwerken.

Ein Jahr lang begleiten wir Familie Sander und auch noch ein paar weitere Inselbewohner*innen – und obwohl vieles auf der Insel eingefahren scheint, wird schnell deutlich, dass das Leben auch hier in erster Linie Veränderung bedeutet.

Meine Meinung

Das Landleben hat Dörte Hansen ja schon in „Altes Land“ und „Mittagsstunde“ ausführlich beleuchtet – und in „Zur See“ geht sie noch einen Schritt weiter und bringt uns das Leben auf einer kleinen Insel nahe, von der das „Entkommen“ noch schwerer sein dürfte als aus den kleinen norddeutschen Dörfchen, die wir in den anderen Büchern kennengelernt haben.

„Zur See“ ist eine Liebeserklärung an das Meer, vernachlässigt aber keinesfalls die Schwierigkeiten, die das Leben auf einer Insel mitten darin bereithält. Besonders anschaulich beschrieben fand ich das ambivalente Verhältnis der Insulaner*innen zum Tourismus: Klar, die Gäste bringen Geld, aber sie sorgen gleichermaßen auch dafür, dass Kurkliniken und Wellness-Hotels gebaut werden, Inseltraditionen nur noch zu bloßer Folklore verkommen, bisher unberührte Plätze auf der Insel zu Instagram-Hotspots werden. Das ist oft augenzwinkernd und manchmal auch ein bisschen gehässig geschildert – und kommt der Realität wahrscheinlich ziemlich nahe.

Wer schon die anderen Bücher von Dörte Hansen kennt, weiß, dass die Menschen darin eher wortkarg daher kommen. Auch „Zur See“ lebt nicht von Dialogen, sondern vorwiegend von Personenbeschreibungen und Beobachtungen. Die Autorin ist zudem aus meiner Sicht eine Meisterin der Auslassungen und Andeutungen – vieles steht nur zwischen den Zeilen, ist aber trotzdem unmissverständlich. Immer mal blitzt ein sehr norddeutscher Humor auf, die Inselwelt wird detailreich und mit viel Wärme geschildert, auch wenn das Wetter und die See oft rau sind. Ich fühlte mich beim Lesen an die Nordsee versetzt, allerdings weniger an die Urlaubsnordsee, sondern eher an das „reale“ Meer mit all seinen Widrigkeiten, in der viel Schönheit, aber eben auch Gefahren lauern.

Die Erzählperspektiven wechseln zwischen den einzelnen Familienmitgliedern der Familie Sander sowie anderen Figuren wie etwa dem Inselpastor, und ich fand alle davon gelungen. Eine Person schloss ich beim Lesen besonders in mein Herz und war deshalb erschüttert über den Schluss des Buches – mehr sei an dieser Stelle nicht verraten, aber dass es zum Ende hin so emotional werden könnte, war für mich nicht absehbar und ebenfalls ein großer Pluspunkt gegenüber den Vorgängerbüchern, die für meine Begriffe eher ausliefen, als einen klaren Schlusspunkt zu setzen.

Thalia
(*)

Fazit

Was ich in „Altes Land“ noch bemängelt habe und in „Mittagsstunde“ schon besser umgesetzt fand, kann ich bei „Zur See“ nun gar nicht mehr beklagen: Die Erzählung hat einen roten Faden und schweift nicht zu scheinbaren Nebensächlichkeiten ab. Einzig das Kapitel mit dem gestrandeten Wal fand ich vielleicht ein wenig zu lang, das ist aber Kritik auf hohem Niveau. Für mich ist „Zur See“ das beste Buch von Dörte Hansen.

Bewertung

(Danke an den Penguin Verlag und das Bloggerportal für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars. Keine weitere Vergütung erhalten.)

Teile den Beitrag

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert