Daniela Dröscher – Lügen über meine Mutter (Rezension)

(Copyright: Kiepenheuer & Witsch)

Erscheinungsdatum: 18.08.2022
(Kiepenheuer & Witsch, 448 Seiten, ISBN 978-3-462-00199-0)

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Inhalt

Eine Familie in den 1980er Jahren im Hunsrück: Die Mutter ist viel zu dick und muss abnehmen – sagt der Vater, denn ihr Übergewicht ist angeblich schuld an allem, was (vermeintlich) in seinem Leben und im Leben der Familie schiefläuft. Ela, die Tochter, steht zwischen den beiden und versteht zwar nicht alles, was vor sich geht, auf kindliche Art aber viel mehr, als die Erwachsenen wahrscheinlich glauben.

Wird sich die Mutter aus der entwürdigenden Situation befreien können – und welche Auswirkungen hat diese Familiendynamik auch noch auf die erwachsene Ela?

Meine Meinung

Daniela Dröschers Debütroman wurde für den Deutschen Buchpreis 2022 nominiert – und das meiner Meinung nach völlig zu Recht. Ich war beim Lesen ab der ersten Seite gepackt und der sehr flüssige Schreibstil zog mich so in seinen Bann, dass ich kaum aufhören konnte zu lesen.

Das Buch ist geschickt aufgebaut: Die Erzählungen aus der Vergangenheit durch die Brille der kindlichen Ela wechseln sich mit Gedanken und Gesprächen ab, in denen Ela als Erwachsene zusammen mit ihrer Mutter das Geschehene reflektiert. Die Einstreuungen aus der Gegenwart nach jedem Vergangenheitskapitel sind für sich relativ kurz gehalten, in der Gesamtheit bilden sie aber die Brücke zwischen Elas kindlicher und erwachsener Perspektive und sind deshalb genauso wichtig zum Verstehen des Familienkonstrukts wie die Schilderungen aus Elas Kindheit.

Die vermeintlich ahnungslose Kinderperspektive im Vergangenheitsstrang übt dabei einen besonderen Reiz aus: Ela bekommt einerseits sehr viel davon mit, was um sie herum passiert, kann andererseits aber natürlich noch nicht alles davon richtig einordnen. Beim Lesen erahnt man also vieles nur, was in Ela als Kind zwar bereits ein ungutes Gefühl ausgelöst hat, ihr in voller Tragweite aber auch erst wesentlich später klar geworden sein dürfte.

Auch ist Ela selbst lange nicht bewusst, warum sie nach und nach beginnt, sich für ihre Mutter zu schämen – was das mit ihrem eigenen Körpergefühl gemacht haben dürfte, ist ebenfalls nur zu vermuten, zumal nie klar wird, wie viel die Mutter tatsächlich wiegt. Vielleicht hätte das auch zur Einordnung der Figur des Vaters noch ein wenig mehr geholfen (haben seine Aussagen zumindest noch eine realistische Grundlage oder basieren sie auf einer verzerrten Wahrnehmung?), vielleicht ist es aber auch einfach egal – kein (Über-)Gewicht der Welt würde das Verhalten rechtfertigen, mit dem er seine Frau tagtäglich schikaniert.

In diesem Sinne erzählt Daniela Dröscher auch stets sehr respektvoll von der Mutter, die keineswegs ein eingeschüchtertes „Hausmütterchen“, sondern eine durchaus selbstbewusste Frau mit eigenem Job und eigenen Zielen ist, sodass es am Anfang etwas verwundern mag, warum sie die Tiraden ihres Mannes überhaupt erträgt. Erst nach und nach wird deutlich, welche Zwänge sie in dieser unglücklichen Ehe halten – und das machte mich beim Lesen traurig und wütend zugleich, zeichnet es doch ein sehr düsteres Bild einer Gesellschaft mit verstaubt anmutenden Moralvorstellungen, die leider auch nach den 1980er Jahren noch nicht überall vollständig ausgestorben sein dürften.

Das Buch ist in 4 Teile gegliedert – jeder Teil steht für ein Jahr –, die sich im Hinblick auf den Spannungsbogen nur sehr marginal unterscheiden. Vielleicht war Teil 3 für mich insgesamt der „schwächste“, weil ich hier vorübergehend das Gefühl hatte, nicht mehr viel Neues zu erfahren. Da sich das im 4. und letzten Teil aber definitiv wieder änderte, gibt es hierfür dennoch keinen Punktabzug.

(Eine kleine Randnotiz: Trotz der sehr berührenden und traurigen Thematik sogar ein klein wenig amüsant fand ich den sehr authentisch eingefangenen Hunsrücker Dialekt der Großeltern väterlicherseits – auch wenn sie in diesem Dialekt leider ebenfalls kaum etwas Positives von sich geben. Über die eine oder andere Redewendung und Formulierung musste ich aber aufgrund eigener familiärer Verbindungen in die Gegend dennoch etwas schmunzeln. 😉)

Thalia
(*)

Fazit

Daniela Dröscher hat mit „Lügen meiner Mutter“ einen teilbiografischen Roman vorgelegt, in dem  wohl alle, die in den 1980ern aufgewachsen sind, etwas aus der eigenen Kindheit wiedererkennen dürften, auch wenn es sicher nicht in jeder Familie um das Thema Gewicht ging. Das ist zwar einerseits erschreckend, bietet andererseits aber ein großes Identifikationspotenzial. Mich hat die Geschichte auf ganzer Linie überzeugt und ich spreche eine große Leseempfehlung aus.

Bewertung

(Danke an Kiepenheuer & Witsch und Netgalley für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars. Keine weitere Vergütung erhalten.)

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